„Es ist alles nur ein großes Spiel“

Lieber Andreas,

dieses Jahr habe ich dir pünktlich zu deinem Geburtstag die obligatorischen Grüße geschickt. Das geht nicht jedes Jahr. Meist bin ich zwangsläufig zu spät und manchmal denke ich erst an deinen Geburtstag, wenn ich die Grüße zu meinem von dir erhalte. Wir kennen uns mittlerweile seit fast 20 Jahren. Bei meinem damaligen beruflichen Aufenthalt in Nordrhein-Westfalen teilten wir sogar das gleiche Häuschen. Ich hatte großen Respekt. Bei dieser Begegnung war mir nicht klar wie wertvoll du für meinen weiteren Lebensweg sein solltest.

Einige Jahre später, es war wohl im Sommer 2003 ging es um meine erste Tätigkeit nach dem Studium und du brauchstest noch jemand in deinem Team. Ich war ganz schön aufgeregt, ein Logistikzentrum mit aufbauen, puh… Ich spürte einen großen Druck, aber auch eine große Erleichterung, dass du mir das nötige Zutrauen dafür schenktest.

Ein Jahr später stand das Ding und die ersten Stellen wurden besetzt. Du fragtest mich und meine Kolleginnen welche Aufgabe wir uns für uns selbst darin vorstellen könnten und ich entschied mich eher durch den Gruppenzwang der anderen beiden, dir genauso mitzuteilen, dass ich mir eine Gruppenleiterposition sehr gut vorstellen könnte. Ich hatte gefühlt keinen blassen Schimmer was das bedeutet und hatte die große Sorge im Vergleich zu den anderen beiden nicht so genau zu wissen was ich da tun soll, da die Kolleginnen schon längere Zeit in Logistikzentren tätig waren. Nun denn, da war es mein Angstgefühl. Zum Glück kommt zu diesem bei mir auch immer etwas mutiges, ein Antreiber, eine innere Stimme die mir auch damals sagte…..trau dich, du schaffst das, du kannst das und du bist klug genug, das was du nicht kannst, zu lernen. Und so war ich dann 24 Jahr alt, verantwortlich für das erste Team von Mitarbeitern. Die ersten Einstellung, die ersten Abmahnung, die ersten Kündigungen, die ersten Mitarbeitergespräche und damit einhergehend Auseinandersetzungen mit mir in der Führungsrolle und meiner persönlichen Haltung. Du warst mein Berater, Begleiter, Befürworter, Unterstützer und Vorbild. Ich war nicht immer deiner Meinung und doch hatte ich mit dir immer einen Gesprächspartner auf Augenhöhe. Ich durfte meinen eigenen Weg finden, mein Blick war dir wertvoll und ich konnte Gestalter werden und sein. Dies wäre ohne dein Vertrauen und Zutrauen in mich nie möglich gewesen. Durch deine Unterstützung habe ich selbst erkannt zu was ich in der Lage bin und durfte Talente an mir entdecken, die ansonsten vielleicht bis heute darauf warten würden, zum Vorschein zu kommen.

Genau zu dieser Zeit, dem Beginn meiner Begegnung mit Mitarbeitern habe ich mir viele Notizen gemacht. Was ist mir wichtig? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Wie verstehe ich mich selbst in der Rolle? Was bedeutet Vertrauen, Zutrauen, Respekt, Achtung, Fairness? Wie zeigen sich diese in meinem beruflichen Alltag? Heraus kam ein Wertemindset, dass ich bis heute in mir trage und mir hilft im Umgang mit Menschen Klarheit zu spüren.

Ich hatte vor allem, nachdem du dann das Logistikzentrum und später auch das Unternehmen verlassen hattest manchmal das Gefühl, du wurdest in deinem Blick auf das Miteinander und deine Visionen dahinter nicht verstanden. Ich habe das Gefühl, vieles was dir damals wichtig war verstanden zu haben. Vielleicht täusche ich mich, ich hoffe nicht.

Irgendwann im schönen Norden bewarb ich mich auf andere Führungspositionen – ich dachte, das wird ein leichtes Spiel, doch Pustekuchen. Auf die Frage an wen ich bei meiner bisherigen Tätigkeit zu berichten hatte und welche Regeln ich zu beachten gehabt hätte, gab ich zur Antwort, dass ich keine Berichte in der ihrigen Vorstellung abzugeben hatte und dass es für mich keine Regeln gab außer den Notwendigkeiten, die die Aufgabe und die Verantwortung gegenüber den Kunden mit sich bringt. Budgets auch nicht etc….Mir wurde nicht geglaubt. Doch du weißt, dass das stimmt, denn das war mein Berufseinstieg und daher meine Realität. Dass Arbeit (leider) auch anders organisiert sein kann, habe ich erst später erleben dürfen.

Für einen Satz habe ich noch einige Jahre gebraucht um ihn zu verstehen. Ich nahm die Themen schon immer sehr ernst und wollte keine Fehler machen, genau und gründlich arbeiten etc. das führte zu manchen Zweifeln und ungelösten Rätseln mit viel Kopfzerbrechen. Während dein Blick die Kühltürme streiften sagtest du in einem solchen Augenblick des Grübelns zu mir: „Nadine, das ist alles nur ein großes Spiel“. Heute bin ich viel lockerer und entspannter…. ich spiele gerne 😉

Danke dir von ganzem Herzen.

Nadine


Das habe ich gelernt:

  • Dialogische Führung in der Praxis
  • Eigene Haltung Entwicklen
  • Die Wirkung von Vertrauen und Zutrauen in mich und in andere
  • Meine Führungsqualitäten
  • Beschäftigung mit Selbstverantwortung
  • Wertbildungsrechnung
  • Projektsteuerung
  • Lagersteuerung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.