Damengambit

Die Uhr tickt, ich denke und denke und denke, der Boden knirscht, erst 15 Züge, bis 40 brauche ich noch Zeit, doch diese läuft, irgendetwas riecht komisch. Was ist mein Plan, fühle ich mich unterlegen, gibt es eine Chance, einen Qualitätsgewinn, einen Bauer, eine Falle die mit niedriger Wahrscheinlichkeit vom Gegner erkannt wird, eine auf mehrere Züge im Voraus durchkalkulierte Spielidee? Nein, dieser Zug führt zum eigenen Verlust, ich brauche einen anderen – denken – rechnen – analysieren – taktieren – die Uhr tickt. Jetzt ist es soweit ich führe den Bauer ein Feld nach vorne – ich sitze aufgeregt und angespannt vor dem Brett, schon sind 50 Minuten sind vergangen.

Das Rundenspiel einer Schachmannschaft dauerte bis zu 6 Stunden je Partie. Für die ersten 40 Zuge hatte ich 2 Stunden Zeit, schaffte ich diese, dann bekam ich nochmals eine Stunde. Je Spieler insgesamt 3 Stunden voller Energie, Emotionen, Strategien, Nervenkitzel, Mannschaftsgeist.

Ich spüre Mut und Versagensangst zugleich, mein Gegner, ja, es ist ein Gegner, kein Mitspieler – ich will gewinnen. Meine Mannschaft braucht einen Punkt. Ich bin 15, er 60, ich werde unterschätz, er riecht, nein stinkt nach Knoblauch. Ich ekle mich. Ich überrasche ihn. Doch dann mache ich einen Fehler. Es wird kein Punkt, aber ein halber. Ein Remis, mit mehr Selbstvertrauen hätte ich den ganzen gehabt, ich habe es mir nicht zugetraut. Vielleicht wars der Knoblauch, das Gefühl, dass mich mein Gegenüber nicht ernst nimmt, oder die Situation, dass ein halber Punkt für die Mannschaft ausreicht.

Ich habe schon lange nicht mehr gespielt, ich bin außer Übung und doch bleibt mir die Erinnerung an die Gefühle, die dieses ruhige Spiel auslösen können und wie viel beharrliches, ruhiges, mutiges, und strategisches Vorgehen gebraucht wird. Dennoch, ohne das Selbstvertrauen, gewinnen zu können wird auch bei bestem Theoriewissen das Spiel verloren. Jedes Spiel ist anders. Ich bin davon überzeugt, dass die Wettkampfsituationen und Rundenspiele Eigenschaften in mir gestärkt haben, die mich beruflich egal in welcher Position begleiteten.

Ich war übrigens bei den Württembergischen Meisterschaften und bin dort 2. geworden, dies führte mich zu den offenen deutschen Meisterschaften. Das hört sich nun überragend an, trägt jedoch ein wirkliches Manko in sich. Bei diesen Turnieren bin ich zum ersten Mal mit einem Gefühl der Diskriminierung meines weiblichen Gehirns in Kontakt gekommen. Denn es gibt die Meisterschaften für Jungen und Mädchen getrennt. Die Anzahl Jungen bei einem geschlechtergemischten Turniers liegt bei 95%. Somit war es für mich im Verhältnis sehr einfach bei diesen Meisterschaften dabei zu sein und es fühlt sich bis heute nicht ganz richtig an. Ich wünsche mir dass dieser Unterschied nicht mehr gemacht wird und dafür die Faszination für dieses Spiel generell unterstützt wird.

Was ich Lernen durfte

  • Beharrlichkeit
  • Warten
  • Ausharren
  • Strategisches denken
  • Taktieren
  • Mut, Selbstvertrauen
  • Angst auszuhalten
  • Teamgeist im Mannschaftssport

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